Entstehung der Ev. Jugend Mannheim

 
1880 wurde in den Mannheimer Gemeinden immer mehr Fürsorge für Kinder und Jugend gefordert. Man klagte über „zunehmende Zuchtlosigkeit der Jugend“ und Entfremdung der Jugend von der Kirche.
Es wurde deutlich, dass neue Ansätze einer kinder- und jugendgerechten kirchlichen Arbeit gefordert waren. Als erstes wurden Weihnachtsgottesdienste mit Lied und Spiel gestaltet, was aber zunächst doch auf Unverständnis und Ablehnung der Pfarrer traf.
Deshalb war die Evangelische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen primär zunächst durch religiöse Unterweisung und Unterricht im christlichen Glauben geprägt. Gestaltet wurde dies durch Religionsunterricht in der Schule, Kindergottesdienst, Konfirmandenunterricht oder Christenlehre.
Die Schuljugend hatte dann eine besondere Funktion durch Gesang im Gottesdienst.
 
Durch die weitere Entfremdung von Kirche und Gesellschaft begriff die Kirche um 1900, dass sie nicht mehr automatisch durch Schule und Familie Teil der Jugend ist und entwickelte so eine neue Form der Jugendarbeit:
Es entstanden erste kirchliche Vereine und Gruppen, die primär außerschulische Angebote gestalteten – natürlich für Jungen und Mädchen getrennt. Die Arbeit mit den Mädchen gestalteten oft die Ehefrauen der Pfarrer. Die Arbeit mit den Jungen oft die Vikare (Pfarrer in Ausbildung).
Der Christliche Verein Junger Männer (CVJM) in K2, 10 entstand und kümmerte sich primär um ortsfremde Jugend. Das Vereinsleben war geprägt durch Wissensvermittlung durch Vorträge, Geselligkeit in christlicher Gemeinschaft z.B. auch durch Turnen, Gesang und Musik. 1905 hatte der Verein 150 Mitglieder.
 
1909 entwickelte sich der Evangelische Jugendbund.
Bereits zu diesem Zeitpunkt wurden von diesem Evangelischen Jugendbund alle evangelischen Schüler aus z.B. Schulchören und aus den Gemeinden zu Versammlungen eingeladen – was bereits damit auf Unmut der Gemeinden stieß, weil so alle Jugendlichen zu Großveranstaltungen gingen und nicht in der Gemeinde zu den Veranstaltungen.
1915 wurde dann gefordert, dass jedem Pfarrbezirk ein Vikar zuzuordnen sei. Dem wurden „die Aufgaben des Jugendgeistlichen“ zugewiesen. Es gründete sich die „Organisation der kirchlichen Arbeit an der schulentlassenen Jugend innerhalb des Stadtgebietes“.
 
Am 01.09.1919 wurde das erste Jugendpfarramt gegründet. Es gab 5 Aufgabenbereiche.
  1. Wahrnehmen einer Mittelpunktfunktion auch für die schon bestehende kirchliche Jugendarbeit; die einzelnen Vereine sollten bei der Ausgestaltung ihrer Einrichtungen und Veranstaltungen professionell unterstützt werden.
  2. Unterstützung und Hilfeleistung für die ‚Glieder der Gemeinde in ihrer Sorge um die Jugend und d[ie] Jugendlichen in ihren Nöten‘ durch sachkundige Auskünfte, Beratung der Eltern, Unterbringung von Kindern in evangelischen Heimen, Vermittlung von stellensuchenden Knaben und Mädchen in geeigneten Anstellungen.
  3. Kooperationen mit staatlichen und städtischen Behörden sowie interkonfessionellen Vereinigungen.
  4. Betreuung und Fürsorge zugewanderter Jugendlicher
  5. „Wahrnehmung einer Mittlerfunktion zwischen Kirche und Jugend, um kirchliche Anliegen den Jugendlichen nahe zu bringen und die Jugend wieder stärker an die Kirche zu binden.
Später kamen große weitere Aufgabenbereiche dazu wie Unterstützung der Erziehungsfürsorge der Eltern, Gesundheitsfürsorge während des Kriegs, Berufsfürsorge.
Das Jugendpfarramt war verteilt auf zwei Standorte: Einer in G4,2 und einer in G4,5.
Es entstanden zwei Heime – eins für Mädchen in U3, 23 und eines für Jungen.
 
Inzwischen hat sich viel geändert – und viel ist wichtig geblieben:
Auch heute haben wir noch ein Jugendpfarramt – mit anderen Aufgaben.
Das Thema der Entfremdung der Kirche und Gesellschaft ist natürlich heute noch Thema.
Immer noch prägt uns das Thema, dass Evangelische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen nicht ohne Kontakt zu deren Familien, Eltern und Erziehungsberechtigten zu denken ist.
Wir stellen uns die Frage: Wie kann Glaube und christliche Gemeinschaft relevant sein für Kinder und Jugendliche. Einen großen Schwerpunkt unserer Arbeit auf dem wir viel aufbauen ist nach wie vor die Konfi-Zeit.
Während früher der Schwerpunkt in der Lehre und dem Unterricht lag, setzen wir heute stärker die Schwerpunkte: Wie sieht mein christlicher Glaube aus? Wie gestalte ich meine Religiosität? Gott in meinem Alltag – durch Gestaltung von Ritualen, Gesprächen und Seelsorge.
In allen Gemeinden gibt es inzwischen Angebote für Kinder- und Jugendliche. Von Krabbelgruppen hinzu Angeboten für junge Erwachsene. Über Kindergottesdienst zu Kindergruppen, Kinder- und Jugendchören, Freizeiten, Aus- und Fortbildung für ehrenamtliche Mitarbeitende und vor allem viele Konfi-Gruppen.
Wir glauben, dass unsere Gemeinschaft in der Ev. Jugend vom Geist Gottes und Jesus Christus getragen wird und sehen gerade Letzteren als ein Vorbild für kirchliches und christliches Handeln.
 
Quellen:
Geschichte der Evangelischen Kirche Mannheim, 1996;
Jahrbuch für badische Kirchen- und Religionsgeschichte, Bd. 13, 2019, S. 191-193